• Daniel Tyoschitz

100 Meetings in Tel Aviv - 10 Learnings



Nachdem ich 2,5 Jahre im Silicon Valley gelebt habe, brauchte ich einen Tapetenwechsel.


Der Ort meiner Wahl: Tel Aviv

In Deutschland kennt man vielleicht Unternehmen wie Wix, Fiverr oder MyHeritage, die alle in der israelischen Startup Nation geboren wurden.


Mein Ziel war es, im ersten Monat so viele Menschen viel möglich zu treffen, um das Innovations-Ökosystem besser zu verstehen. Nun bin ich genau seit einem Monat in Tel Aviv und hatte 100 Meetings mit Gründern, Investoren, Acceleratoren, Corporates, Politikern, Militär-Offizieren, Religionsvertretern und einfachen Leuten, die nur wenig mit Innovation anfangen können.


Ich war selbst verwundert, dass sich so viele Menschen mit mir treffen wollten. Doch das ist typisch israelisch. Viele sagen auch 'typisch jüdisch', da 75% der Menschen dem Judentum angehören. Die Leute hier sind einfach pragmatisch und wollen Opportunitäten nicht lange warten lassen. Wenn man Leute kontaktiert, folgt innerhalb der nächsten 1-3 Tage direkt ein Meeting in einem gemütlichen Cafe - man muss also nicht 3 Wochen warten, so wie es in Deutschland üblich ist.


Ich bin mit zwei Themen in die Gespräche gegangen:


Ich wollte verstehen, ob es einen 'Need' gibt, den ich mit meinen Fähigkeiten und meinem Netzwerk bedienen kann.Ich wollte verstehen, wie Israel zu einem der führenden Innovations-Standorte der Welt wurde.


Den ersten Punkt konnte ich schnell abhaken, da so gut wie alle Startups nicht Israel als ihren Heimatmarkt sehen, sondern global denken. Meist gehen die Startups erst nach Amerika, danach nach Europa. Auf beiden Kontinenten habe ich gelebt und kann unterstützen. (Yaaay!!!) ... also falls Du nach spannenden Startups suchst, gib Bescheid ;-)


Der zweite Punkt war jedoch viel interessanter für mich. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv mit dem Thema 'Ökosystem-Building' beschäftigt und folgende 10 Building Blocks als elementar für den Aufbau einer fruchtbaren Innovations-Szene identifiziert:


Bis auf Customers und Acquirers schien Israel alles zu besitzen. Da diese beiden Komponenten, aber vor allem Customers, im Ausland gefunden werden können, gehen israelische Startups von Anfang an in ausländische Märkte.


Durch meine Gespräche konnte ich jedoch 10 weitere Charakteristika identifizieren, die viel individueller und nur schwer nachzuahmen sind. Sie haben etwas mit der israelischen Geschichte und dem daraus entstanden Mindset zu tun. Und das Mindset einer Gesellschaft kann nur schwer repliziert werden.


Hier sind meine 10 Learnings zu dem Innovations-Mindset der Startup Nation:


1) Israel besitzt keine natürlichen Ressourcen - Dies erfordert einen effizienten Umgang mit den Ressourcen, die vorhanden sind und zwingt das Land innovativ zu denken, um Substitutionen entwickeln zu können.


2) Israel ist umgeben von Feinden - Das Land ist seit vielen Jahrzehnten in Kampfbereitschaft, da es mit den Nachbarstaaten in einem permanenten Konflikt steht. Dies erfordert Fortschritt! Bleibt man stehen, wird man möglicherweise von außen überrannt. Dies hat auch zu einer pragmatischen Kultur geführt, sodass Dinge direkt anpackt und nicht lange aufgeschoben werden... denn man kann ja nie wissen wie die Zukunft aussieht.


3) Israel ist sehr klein - Das gesamte Land ist von der Fläche etwa so groß wie Sachsen-Anhalt (20.770 km² vs. 20.452 km²), jedoch hat es etwa vier mal so viele Einwohner (8,7M vs. 2,2M). Diese hohe Dichte ermöglicht einen schnellen Fluss von Informationen und erleichtert den persönlichen Austausch. Innerhalb kurzer Zeit kann man sich mit Geschäftspartnern im ganzen Land treffen.


4) Israel besitzt ein High-Tech Militär - Viele Innovationen werden durch das Militär angetrieben. Zunächst besteht für jeden eine Militärpflicht. Für Männer 3 Jahre und für Frauen 2 Jahre. Diese Periode findet direkt zwischen Schulabschluss und Studium statt, also zu einer Zeit, in der man gerade mal in den Anfängen seiner 20er steckt. Das Militär investiert sehr viel in die Ausbildung seiner Soldaten und bildet sie vor allem im technologischen Bereich zu Experten aus. Dies ist auch der Grund, weshalb Israel als führendes Land im Bereich 'Cybersecurity' gesehen wird. Während der Militärzeit bekommen die Schulabsolventen jede Menge Verantwortung. Z. B. sind sie für hunderte Kameraden und deren Leben verantwortlich. Dies prägt auf eine ganz besondere Weise. Zu dieser Zeit entstehen auch ganz besondere Freundschaften und man baut sich ein starkes Netzwerk auf, das ein Leben lang hält. Das ist natürlich die perfekte Basis, um im Anschluss gemeinsam ein Startup zu gründen. In einem Gespräch mit einem sehr erfolgreichen Angel Investor habe ich auch den Spruch gehört: "Je mehr man ins Studium mit hinein nimmt, desto mehr bekommt man heraus". Dies bedeutet, es sei gut, dass Israelis erst eine sehr prägende Erfahrung machen und dann als reife Menschen mit ihrem Studium beginnen. Denn dadurch wissen sie um die Wichtigkeit von Bildung und gehen professioneller an die akademischen Herausforderungen heran.


5) Israel setzt viel Wert auf Bildung - Juden im Allgemeinen setzen seit Jahrhunderten viel Wert auf Bildung. In der Vergangenheit war es Juden zum Beispiel verboten bestimmte Berufe auszuüben. Sie durften unter anderem kein Unternehmen besitzen oder Landwirtschaft betreiben. Dies führte dazu, dass sehr viele Juden akademische Berufe wie Arzt, Jurist oder Banker gelernt haben. Dies hatte den Vorteil, dass man örtlich flexibel war und schnell umziehen konnte. Noch heute ist gute Bildung eines der wichtigsten Persönlichkeitsmerkmale, weshalb auch vor Ort exzellente Universitäten entstanden sind.


6) Israel ist Erfinder von Risikobereitschaft und -toleranz - Zwar nicht buchstäblich, aber im übertragenen Sinne. Betrachtet man die Geschichte, die von Verfolgung und Völkerwanderung geprägt ist, wundert es nicht, das Juden risiko-affin sind. Viele Menschen im höheren Alter haben in ihrem Leben alles zurück gelassen und sind nach Israel ausgewandert. Aufbruch und das Entdecken von Neuem ist Teil der DNA. Deshalb wird das Scheitern eines Startups auch nicht wie in Deutschland hämisch belächelt, sondern viel mehr als positive Erfahrung angesehen.


7) Israel ist direkt und informell - Vor allem das Militär prägt eine Kultur, in der Dinge direkt angesprochen werden, egal ob gut oder schlecht. Auf Deutsche wirkt die klare Meinungsäußerung häufig frech, aber es hat den Vorteil Dinge direkt besser einschätzen zu können. Die Kultur beim Militär ist ebenso sehr informell und nur wenig von Hierarchien geprägt, im Gegensatz zur westlichen Welt. Es wird sogar eingefordert, den Status Quo ständig zu hinterfragen. Dies schließt mit ein, sich gegenüber seinem Offizier klar und deutlich kritisch zu äußern, wenn man davon überzeugt ist. Dementsprechend hinterfragt man auch im täglichen Leben traditionelle Annahmen und kommt auf gute Ideen für das nächste Startup.


8) Israel ist ein Melting Pot - Multikulturalismus ist ein elementarer Baustein der israelischen Kultur. Menschen kommen aus der ganzen Welt und ziehen als Folge der Zionismus-Bewegung nach Israel. Jeder hat einen ganz individuellen Lebenslauf, verschiedene Ideen und Erfahrungen sowie einen persönlichen Weg auf Dinge zu schauen und diese zu beurteilen.


9) Israel vergleicht sich - Es ist ganz normal, dass sich Israelis untereinander vergleichen. Wenn der Nachbar, den man schon seit langer Zeit kennt, auf einmal ein Startup für 100 Millionen verkauft hat, dann spornt das an das Gleiche zu probieren. Es herrscht keine Neid-Kultur, aber der Gedanke: "Was mein Nachbar kann, kann ich erst recht."


10) Israel hat eine Bestimmung - Im Land herrscht ein großes Wir-Gefühl. Es gibt eine gemeinsame Vision das Land zu einem 'sicheren Hafen für alle Juden auf der ganzen Welt' zu machen. Diese Vision eint und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. (Ja, es führt unter Umständen auch zu Konflikten mit anderen religiösen Minderheitsgruppierungen.)


In der Innovations-Szene wird immer wieder davon gesprochen, dass man Leute primär nach Mindset und nicht nach Skills beurteilen soll, denn Skills können schnell gelernt werden, das richtige Mindset jedoch nicht. Ich glaube, durch die geschichtlichen Gegebenheit des Judentums, hat Israel ein besonderes Mindset entwickelt, das die Fähigkeit besitzt, Innovationen schneller entstehen zu lassen als in dem Rest der Welt. Nichtsdestotrotz möchte ich mit einem kritischen Punkt enden. Israel ist hervorragend, wenn es um Startups geht, aber hat wenig Erfahrung im Bereich Scale-ups.


Es scheint so, als würden die besten bzw. disruptiven Startups direkt in die USA gehen, da dort der Markt am größten ist. Dies wirkt wie eine Filterfunktion. Die restlichen Startups, die in Israel bleiben, haben meist einen starken B2B Fokus und bieten Enterprise Software-Lösungen an. Dies sind in der Regel inkrementelle Innovationen, die vor allem für traditionelle Unternehmen vielversprechende Lösungen anbieten.


Besonders wir Deutschen sind gern gesehene Geschäftspartner in Israel. Bei deutschen Konzernen ist das Thema 'Digitale Transformation' ganz weit oben auf der Agenda und vermutlich gibt es kein Land, dass bei der technologischen Transformation hilfreicher sein kann als Israel.


Falls Du an spannenden Startups vor Ort interessiert bist oder die Startup Nation gemeinsam mit Deinen Kollegen erkunden möchtest, get in touch - happy to help :-)

Daniel Tyoschitz

Innovations-Experte & Keynote Speaker

daniel@understandinnovation.com

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©2020 by Daniel Tyoschitz

"Ich bringe die neusten Eindrücke aus dem Silicon Valley und Israel nach Deutschland."