• Daniel Tyoschitz

Was bedeutet Fehlerkultur wirklich?



Nach mehreren Jahren im Silicon Valley ist mir eine Sache immer wieder aufgefallen. Wenn Deutsche von Fehlerkultur sprechen, meinen sie etwas anderes als Gründer und Investoren im Tal der Innovationen.


Richtig bewusst wurde mir das 2015 als Christian Lindner im NRW Landtag seine Wutrede zum Scheitern von Gründern gehalten hat.

HIER DAS VIDEO.


"Wenn man scheitert ist man sich Spott und Häme sicher."


Ja, ich stimme Herrn Lindner zu. Wenn man in Deutschland scheitert, wird man belächelt. Es wird mit dem Finger auf einen gezeigt. Den meisten Leuten war es ja ohnehin schon im Vorhinein klar, dass das nichts werden kann... stimmts?


Meistens belächeln einen die Menschen, die äußerst sicherheitsbewusst sind und bis zur Rente im gleichen Unternehmen arbeiten wollen - genau die Menschen, die selbst nie das Risiko einer Gründung eingehen würden.


Aber das ist nicht das eigentliche Problem mit der Fehlerkultur in Deutschland. Wir glauben, Fehlerkultur bedeutet, dass man Fehler toleriert. Aber natürlich... wenn man von Gründern aus dem Valley hört, dass Fehler sogar gefeiert werden, kann das verwirren.


Wir Deutschen haben unglaublich tolle Unternehmen gebaut. Die deutsche Ingenieurskunst wird überall auf der Welt bewundert. Und jetzt, im Digitalen Zeitalter, kommen ein paar erfolgreiche Tech-Nerds daher und wollen uns erklären, dass wir von unserer geliebten Präzision Abstand halten sollten, um innovativer zu werden???


Falsch! Es gilt 2 Dinge zu beachten, wenn man Fehlerkultur verstehen will:


Erstens:

Man muss zwischen dem Reifegrad von Unternehmen unterscheiden. Das IGOR-Modell beschreibt diese am besten.


  1. Invent (Hypothesen testen) <-- hier benötigt man Fehlerkultur

  2. Grow (Product-Market-Fit ist erreicht)

  3. Optimize (Inkrementelle Innovationen)

  4. Re-Invent (Digitale Transformation) <-- hier benötigt man Fehlerkultur


Fehlerkultur wird NUR dann benötigt, wenn das Unternehmen etwas Neues versucht, das so noch nicht existiert oder so noch nicht umgesetzt wurde. In der Wissenschaft wird diesbezüglich zwischen "Exploration" und "Exploitation" unterschieden. In Phase 1 und 4 benötigt man ein Explorations-Mindset, in Phase 2 und 3 ein Exploitations-Mindset.


Zweitens:

Es ist nicht okay, wenn der Buchhalter falsche Zahlen in die Datenbank einträgt, der Mechaniker die Achse falsch ins Auto einbaut oder der Chirurg aus Versehen das falsche Knie operiert. Wenn es um standardisierte, wiederkehrende Prozesse geht, sind Fehler absolut zu vermeiden.

Fehlerkultur beschreibt den Prozess wie man an Unsicherheit herangeht. Sie beschreibt den Hypothesentest von Geschäftsmodellen.

Das Business Model Canvas veranschaulicht gut wie ein Geschäftsmodell aufgebaut ist. Man muss anfänglich dutzende Annahmen treffen. Wer ist mein Kunde, welche Kanäle nutze ich, um auf den Kunden zuzugehen, mit welcher Nachricht gehe ich auf ihn zu, was ist mein Alleinstellungsmerkmal, welche Prozesse habe ich, wer sind meine Partner, was ist meine Kostenstruktur, wie mache ich Umsatz, etc., etc. Zu Beginn werden Annahmen getroffen, von denen man jedoch nicht weiß, ob sie richtig sind.


Diese Hypothesen werden durch Experimente getestet, um so schnell wie möglich zu lernen. Man trifft eine Annahme nach bestem Wissen und Gewissen und teste diese. Es macht nämlich keinen Sinn bei hoher Ungewissheit einen langfristigen Plan zu erstellen und so zu tun als wüsste man alles im Vorhinein.


Wird eine Hypothese durch ein Experiment widerlegt, hat man einen Weg gefunden wie es nicht funktioniert - dann hat man einen Fehler gemacht. Dies hat nichts mit Faulheit, Dummheit oder Unachtsamkeit zu tun, sondern mit strukturiertem Vorgehen. Und diese Erkenntnisse werden im Valley gefeiert. Je mehr Wege erkannt werden, die nicht ans Ziel führen, desto höher wird die Wahrscheinlichkeit irgendwann den richtigen Weg einzuschlagen.


Zusammengefasst:

  1. Fehlerkultur wird dann benötigt, wenn man unter hoher Unsicherheit arbeitet.

  2. Fehlerkultur beschreibt den Prozess wie man schnellstmöglich durch Experimente zu validen Antworten kommt.

  3. Scheitern ist immer schlecht! (Manchmal hat man einfach nicht die volle Kontrolle, egal wie gut man ist. Dann wird Scheitern lediglich toleriert - SOFERN Punkte 4 und 5 eingehalten werden.)

  4. Wenn man scheitert, dann bitte nicht weil man faul, dumm oder unachtsam war, sondern, weil die initialen Annahmen nicht mehr korrigierbar waren, obwohl den typischen Methodologien gefolgt wurde (Design Thinking, Lean Startup, Agile, etc.).

  5. Wenn man scheitert, soll man daraus lernen und seine Erfahrungen mit anderen teilen.



Daniel Tyoschitz

Innovations-Experte & Keynote Speaker

daniel@understandinnovation.com

  • White LinkedIn Icon
  • White Facebook Icon
  • White Twitter Icon
  • White Instagram Icon

©2020 by Daniel Tyoschitz

"Ich bringe die neusten Eindrücke aus dem Silicon Valley und Israel nach Deutschland."